Kirchenvorsteherin Manuela Nörtershäuser begrüßte die Gemeinde und die zahlreichen Mitwirkenden. Von Beginn an wurde deutlich, dass dieser Gottesdienst nicht nur von Nächstenliebe sprechen, sondern sie in der Begegnung verschiedener Menschen und Glaubenstraditionen sichtbar machen wollte. Konfirmandinnen und Konfirmanden beteiligten sich ebenso wie Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher religiöser und gesellschaftlicher Hintergründe.
Psalm 133 erinnerte an die Kraft der Gemeinschaft. Drei Leitsätze begleiteten den weiteren Gottesdienst: „Wo Menschen einander achten, entsteht Gemeinschaft. Wo Menschen einander zuhören, kann Vertrauen wachsen. Wo Menschen einander zum Nächsten werden, ist Gottes Nähe spürbar.“
Wolfgang Elias Dorr und Imam Ansir Ahmad beleuchteten das Thema Nächstenliebe aus unterschiedlichen religiösen Perspektiven. Gerade in einer Zeit, in der Vorurteile, Hass und Ausgrenzung das gesellschaftliche Miteinander belasten, wurde so ein wichtiges Zeichen gesetzt: Religionen müssen Menschen nicht voneinander trennen. Wo ein ehrliches Gespräch gelingt und Menschen bereit sind, einander zuzuhören, können sie gemeinsam für Frieden, Würde und Mitmenschlichkeit eintreten.
Einen besonders bewegenden Mittelpunkt bildete die von Antje Müller und David Schmidl gemeinsam vorgetragene Geschichte vom barmherzigen Samariter. Das bekannte Gleichnis wurde dabei bewusst in die Gegenwart geholt. Denn auch heute liegen Menschen gewissermaßen „am Weg“ – nicht immer mit sichtbaren Verletzungen, aber mit seelischen Wunden.
Der anschließende Impuls lenkte den Blick besonders auf Kinder und Jugendliche: auf das Kind, das in der Pause allein steht; auf den Jugendlichen, der im Internet gemobbt wird; auf das Mädchen, das dem schulischen Druck kaum noch standhalten kann; und auf den Jungen, dem zu Hause niemand zuhört. Hinter solchen Erfahrungen stehen oft leise, quälende Fragen: „Gehört überhaupt jemand zu mir? Bin ich gut genug? Werde ich gesehen?“
Die Antwort des Gottesdienstes war ebenso schlicht wie eindringlich: Nächstenliebe beginnt mit dem Hinsehen. Sie zeigt sich darin, nachzufragen, wenn ein Mensch verstummt, einzuschreiten, wenn jemand ausgegrenzt wird, und nicht vorbeizugehen, wenn Hilfe gebraucht wird. Jeder Mensch – und ganz besonders jedes Kind und jeder junge Mensch – verdient es, wahrgenommen und ernst genommen zu werden.
In den Fürbitten, vorgetragen von Salome Ngugi, Wolfgang Elias Dorr und David Schmidl, öffnete sich der Blick auf die Nöte der Welt. Gebetet wurde für Menschen, die wegen ihrer Religion, Herkunft oder Lebensweise ausgegrenzt werden, für jüdische Menschen, die Antisemitismus und Bedrohung erfahren, sowie für die Ahmadiyya-Gemeinde, die trotz ihres friedlichen Leitwortes „Liebe für alle – Hass für keinen“ immer wieder Anfeindungen ausgesetzt ist. Weitere Bitten galten Kranken, Trauernden, Einsamen, Menschen in Armut und auf der Flucht sowie allen Opfern von Krieg, Gewalt, Terror und Vertreibung. Die Gemeinde antwortete jeweils gemeinsam: „Gott, öffne unsere Herzen.“
Ein stilles Gebet, eingeleitet von Imam Ansir Ahmad, schenkte Raum für persönliche Gedanken. Zu den eindrucksvollsten Augenblicken gehörte auch das Vaterunser in aramäischer Sprache – der Muttersprache Jesu –, bevor die Gemeinde das Gebet gemeinsam auf Deutsch sprach. Der Aaronitische Segen auf Hebräisch und Deutsch machte schließlich noch einmal die tiefe Verbundenheit der Religionen und ihrer gemeinsamen Wurzeln erfahrbar.
Musikalisch wurde der Gottesdienst durch das Orgelspiel, den Gesang der Familie Höfer und gemeinsam gesungene Lieder wie „Liebe ist nicht nur ein Wort“, „Wo Menschen sich vergessen“ und „Geh unter der Gnade“ getragen. Im Anschluss lud Manuela Nörtershäuser die Anwesenden zum Gemeindefest ein, bei dem die Begegnungen und Gespräche in ungezwungener Atmosphäre weitergehen konnten.
Zurück blieb die Botschaft eines Gottesdienstes, der nicht bei schönen Worten stehen blieb: Frieden beginnt dort, wo Menschen einander sehen. Gemeinschaft wächst dort, wo sie einander zuhören. Und Nächstenliebe wird lebendig, wo jemand stehen bleibt und handelt.
Oder, wie es am Ende des Gleichnisses heißt: „So geh hin und handle ebenso.“